05. März 2009 Veröffentlicht von: Heiner
Hannover, 1.6.08. Der Georgsplatz ist an diesem Sonntag bevölkert von mehreren 100 Motorrädern und Bikern. Die Band „Grenzrock“ spielt Songs von ACDC und Black Sabbath, Infostände verschiedener Motorradclubs und Snackstationen sind gut besucht. Das Fahrsicherheitszentrum des ADAC zeigt, was Profis können und Biker im Alltag beachten müssen, um sicher ans Ziel zu gelangen. Für die Sicherheit sorgen der Rettungsdienst der Johanniter Hildesheim, die Verkehrssteuerung der Stadt Hannover und die Polizei. Was nach einer großen Bikerparty aussieht, ist der Treffpunkt zu einem Motorradgottesdienst in der niedersächsischen Landes hauptstadt. Bereits zum fünften Mal veranstaltet die Gruppe um Pfarrer Heinrich Plochg und Pastorin Katrin Woitack den MoToGo in Hannover: ein Gottesdienst für die in der letzten Saison verstorbenen Biker aus der Region.
Ein ganz besonderer Gottesdienst
Motorradgottesdienste, kurz MoToGo oder MoGo genannt, sind offen für alle Konfessionen und auf die Bedürfnisse und Sprache von Menschen ausgerichtet, die sonst eine lockere Verbindung zur Kirche haben. Organisiert werden solche Gottesdienste europaweit in der Regel von christlichen Motorradfahrergruppen oder einer Gemeinde, die einen motorradbegeisterten Pfarrer oder eine Pastorin oder eine gewisse Anzahl von Bikern in ihren Reihen hat. Auch im Rahmen von Motorradveranstaltungen oder Clubevents finden Motorradgottesdienste statt. Allein im letzten Jahr waren es deutschlandweit über 100. Größe und Gestaltung sind unterschiedlich: Von kleinen Gottesdiensten mit zehn Teilnehmern bis zum international beachteten Megaevent mit bis zu 35.000 Bikern, wie z.B. beim weltweit größten MoGo in Hamburg, ist alles möglich. Neben der Orientierung für die Seele steht dabei das Gedenken an verunglückte und verstorbene Biker im Vordergrund. Im Anschluss oder im Vorfeld des eigentlichen Gottesdienstes wird oft eine Konvoifahrt über eine Strecke unternommen, die vorher von der Polizei abgesperrt wird.
Der Gedenkkonvoi sammelt sich
So auch beim MoToGo in Hannover. Die Band stimmt ihren letzten Song an: „Knocking on Heaven’s Door“. Es ist kurz vor 15 Uhr – der Konvoi zur St. Joseph-Kirche, wo der Gedenkgottesdienst stattfindet, soll in Kürze starten. Die Biker besteigen ihre Maschinen und ordnen sich nach und nach auf der abgesperrten Straße an. Darunter sind überwiegend Kennzeichen aus der Region Hannover und Braunschweig, Hildesheim, Hameln und Neustadt zu sehen. Unter ihnen auch Michael aus Hannover mit seinen Freunden. Für ihn ist es der erste Motorradgottesdienst. Warum nimmt er teil? „Das ist doch eine klare Sache: Motorradfahrer sind eine große Gemeinschaft und jedem von uns könnte auch mal was passieren. Rasen bringt nichts. Das Image der Motorradfahrer ist schon schlecht genug, aber es sind immer noch zu viele Raser unterwegs.“ Pünktlich startet der Gedenkkonvoi wenig später mit einem Hupkonzert, angeführt von der Polizei.
Sehen und gesehen werden
Vor dem katholischen Pfarramt St. Joseph beginnen um 15:30 Uhr die Glocken zu läuten. Die Biker rollen ein und werden von Zuschauern mit Beifall empfangen. Motorradfahrer und andere Teilnehmer eilen in die Kirche, die sich schnell bis auf den letzten Platz füllt. Ein bunt gemischtes Publikum lauscht der Gospelgruppe „Our Voices“ und der Jazzsängerin Anja Ritterbusch, die den Gottesdienst musikalisch begleiteten. Alle klatschen mit, die Stimmung ist gut. Locker und trotzdem angemessen ist auch der Umgangston in der Begrüßung von Pfarrer Heinrich Plochg. Die anschließende Predigt von Pastorin Katrin Woitack steht unter dem Motto „Sehen und gesehen werden“. Hier wird deutlich, dass dieses Motto im Straßenverkehr für alle überlebenswichtig ist.
Gedenken an die Bikerkollegen
Als die Namen der sieben Frauen und Männer verlesen werden, die im letzten Jahr in der Region Hannover tödlich verunglückten, herrscht eine feierliche Stille in der Kirche. Bei den anschließenden Fürbitten, die von Bikern für alle verunglückten Motorradfahrer vorgetragen werden, entzünden viele Anwesende Kerzen in der Mitte des Ganges. Eine offene Flamme vor dem Altar brennt. Die Biker bitten für mehr Verkehrssicherheit und sprechen auch ihren Dank an Polizei, Ärzte und Rettungsdienste aus. Am Ende beten alle gemeinsam das Vaterunser. Pfarrer Plochg ruft zur Kollekte für „Bikers Helpline“ auf – ein gemeinnütziger Verein, der mit seiner Telefonhotline seelsorgerische Hilfe für Menschen und Maschinen in Not anbietet. Der Gottesmann verweist auf die Biker vor der Ausgangstür: „So verlassen die Kollekteflüchtlinge nicht die Kirche, an denen kommt keiner vorbei.“ Gelächter. Nach der Ankündigung des nächsten MoToGo (am ersten Sonntag im Juni 2009) verlassen die Teilnehmer die Kirche.
Vier Reifen für ein Halleluja
Draußen unterhalten sich Pastorin und Pfarrer noch lange mit den Bikern. Viele kennen sich schon lange, sind Teil der Gemeinschaft. Die Geistlichen können sich sehr gut in ihre Zuhörer hineinversetzen, denn beide sind ebenfalls leidenschaftliche Motorradfahrer. „Ich habe selbst schon oft einen Schutzengel gehabt“, sagt Pastorin Woitack. „Ein Unfall kann immer schnell passieren, z. B. wenn dir jemand die Kurve schneidet. Gerade für Fahranfänger wollen wir deshalb ein Bewusstsein für Gefahrensituationen schaffen.“ Wie kam sie dazu, Motorradgottesdienste zu veranstalten? „Pfarrer Plochg war der Erste, der so was hier in Hannover veranstaltete. Ich habe im Radio davon gehört und mich mit ihm als evangelische Kollegin der Nachbargemeinde in Verbindung gesetzt.“ So kam es zur Gründung der ersten ökumenischen Bikergruppe, die sich ein Mal im Monat trifft und auch auf Bikermessen vertreten ist. Das Feedback der Teilnehmer ist gut: „Manchmal werden von den Bikern auch Wünsche geäußert, z. B. auch Fürbitten für diejenigen zu halten, die selbst einen Unfall verursacht haben und Schuldgefühle mit sich herumtragen. Man sollte auch an die denken, die in Kliniken die Unfallopfer operieren und an die Rettungskräfte, die am Unfallort Erste Hilfe leisten. Bei denen ist die psychische Belastung oft sehr groß“, so Woitack. Und was wünscht sich die Pastorin? „Eine gemeinsame Ausfahrt mit meinem Kollegen Plochg – doch leider fehlte dazu bisher die Zeit.“
Autorin: Jana Claußnitzer
Fotos: Christian Vogt
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